Renditen werden von der Politik und den Unternehmen gemacht

[Ein Kommentar von Dr. Jörg Zeuner, Chefvolkswirt der KfW Bankengruppe]

Die Zinsen in Europa sind auf einem historischen Tiefststand. Viele europäische Sparer beklagen die mangelnden Erträge und finden die Schuldige in der EZB. Die ist für die noch so verständliche Enttäuschung aber der falsche Adressat.

Die Geldpolitik der EZB hat ein Ziel: knapp 2% Inflation. Davon sind wir seit Langem weit entfernt. Die kurzfristigen nominalen Zinsen sind niedrig, weil wir Überkapazitäten haben, die europäischen Unternehmen also froh sind, überhaupt Geschäft zu machen und ihre Preise nicht anheben, die europäischen Arbeitnehmer im Licht der hohen Arbeitslosigkeit kaum Lohnforderungen stellen und der schwache Euro für hohe Exportmargen bei stabilen Preisen sorgt.

Der Sparer braucht Inves­­titionen und Inno­vationen im UnternehmenssektorFür den Sparer relevant sind die langfristigen realen Zinsen. Auch die sind viel zu niedrig. Ändern müssen das aber die Wirtschaftspolitik und die Unternehmen. In Deutschland bilden derzeit alle volkswirtschaftlichen Sektoren – private Haushalte, Unternehmen und Staat – (netto) Geldvermögen, fragen also Sparprodukte nach oder bauen Schulden ab. Das senkt die langfristigen Zinsen. Zusätz­licher Druck kommt aus der Realwirtschaft: Der Verzicht auf die Erneuerung von Infrastruktur, die nur halbherzige Verbesserung von Bildung und Innovation, die ungenügende Modernisierung und Ausweitung des privaten Realkapitalstocks sowie der einsetzende demografische Wandel schmälern die langfristigen realen Zinsen genauso wie die Unsicherheit in Europa.

Was der Sparer braucht, sind Investitionen und Innovationen im Unternehmenssektor, Infrastrukturinvestitionen, bessere Bildung und eine kontinuierliche Überprüfung, wie effizient wir eigentlich unsere Wirtschaft organisiert haben. Je eher wir dies in Angriff nehmen, desto schneller kann die EZB zu einer normalen Geldpolitik zurückkehren.
Dr. Jörg Zeuner ist seit 2012 Chefvolkswirt der KfW und leitet die volkswirtschaftliche Abteilung der Bankengruppe. Er setzt Themen und Impulse in der wirtschaftspolitischen Diskussion und in der KfW und treibt die nachhaltige ­Entwicklung der Volkswirtschaften Deutschlands, Europas und der Welt ­voran.