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Wie Zukunft gelingt

ca. 5 Minuten

Wie bleiben Organisationen handlungsfähig, wenn das „Jetzt“ den Alltag bestimmt und Zukunft ungewiss ist? Zukunftsdenkerin Vitalia Safronova zeigte beim Executive Summit 2025, wie Finanzinstitute dem Unbekannten aktiv begegnen können. In ihrem Gastbeitrag fasst sie die zentralen Impulse für mehr Resilienz und Innovation zusammen.

Jetzt. Jetzt. Jetzt. Die Gegenwart fordert unsere Aufmerksamkeit oft lauter und unmittelbarer ein, als es die Zukunft je könnte. Jetzt noch schnell eine E-Mail beantworten. Jetzt ein Meeting wahrnehmen. Jetzt erst einmal das Projekt abschließen. Jetzt eine akute Krise bewältigen.

Inmitten dieser Anforderungen, die im Arbeitsalltag den Takt vorzugeben scheinen, stellt sich schnell die Frage: Wann bleibt eigentlich Zeit für die Zukunft?

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Obgleich Zukunft interessiert, fasziniert und zuweilen Sorgen bereitet, vermag sie es kaum, mit der gleichen Vehemenz wie die Gegenwart Entscheidungen einzufordern oder Priorisierung durch uns zu erfahren. Ein “Dann” hinter einem “Jetzt” zu depriorisieren, ändert theoretisch nichts. Die Zukunft bleibt einfach weiterhin in der Zukunft.

Wer diesem Weg konsequent folgt, entscheidet sich für den Pfad der Zukunftspassivität. Die konstante Entscheidung für ein “Jetzt” und das Ausblenden eines “Dann” hat zur Folge, dass Zukunft uns irgendwann passieren wird. Das kann unauffällig geschehen. Eine Zukunft wird Gegenwart und wir bemerken es gar nicht. Vielleicht, weil sie nicht so anders ist als die “Eben-noch-Gegenwart”. Vielleicht, weil sie sich mit unserer impliziten Vorstellung, mit unserer Erwartung von der Zukunft deckt. Woher kommen dann die im “Jetzt” so akuten Krisen? Die großen gesellschaftlichen, ökologischen, politischen und wirtschaftlichen Herausforderungen, die scheinbar plötzlich ganze Branchen fest im Griff haben, in den Bewältigungsmodus versetzen und eine beschleunigte Lösungssuche katalysieren?

Die wenigsten dieser krisenartigen Ereignisse sind gänzlich unerwartet. Heutige Krisen sind oft das Resultat einer Reihe von Momenten in der Vergangenheit, in denen die Entwicklung einer Antwort auf die Zukunft zugunsten eines drängenden “Jetzt” depriorisiert wurde. Ziel dieses Artikels ist es keineswegs, gelebten Zukunftsfrust vorzuwerfen. Vielmehr soll dafür sensibilisiert werden, wie wir das “Jetzt” nutzen können, um Zukunft zu beeinflussen. Um das Unbekannte für uns zu nutzen. Denn jede Zukunft nimmt ihren Ursprung im “Jetzt”. Und mit jeder Entscheidung, die wir „Jetzt” vornehmen und mit jeder Handlung, die wir jetzt durchführen, arbeiten wir auf ein bestimmtes Morgen hin. Welche Strategien können wir also anwenden, um einer unbekannten Zukunft zu begegnen?

Signale als Einfallstor nutzen

Unsere Welt besteht aus Signalen. Diese unterschiedlich starken Signale deuten auf mögliche Zukünfte hin – genau, im Plural. Ein Signal tritt in verschiedenen Formen auf: Es kann sich um eine wissenschaftliche Erkenntnis, die Einführung einer neuen Technologie, ein frisch gegründetes Start-up, eine ungewöhnliche Dienstleistung, das überraschende Titelthema eines Magazins, ein neu erlassenes Gesetz, eine politische Bewegung, einen angeregten Diskurs in den sozialen Medien oder eine überraschende Frage handeln. Wenn eine Neobank ein Reise-Start-up erwirbt, kann dies als Signal für eine Finanzwelt interpretiert werden, in der Banken zum Dreh- und Angelpunkt für holistische Konsumerlebnisse werden. Wenn eine App entwickelt wird, die AI Money Coaching anbietet, kann dies als Signal für personalisierte, zentralisierte Geldverwaltung und die Verfestigung einer finanzsensibilisierten Konsumgeneration gedeutet werden. Wer frühzeitig beginnt, den Horizont zu scannen, an dem sich Zukunft abzeichnet, kann Muster erkennen, in denen sich bestimmte Zukunftsentwicklungen verfestigen.

Wünschbarkeit mutig reflektieren

Nicht jede denkbare Zukunft erscheint gleich wünschenswert. Gegebenenfalls sticht ein Zukunftsszenario als besonders attraktiv hervor. Es ist wichtig, dieses zu reflektieren und vor allem in Teams von Entscheiderinnen und Entscheidern zu diskutieren. Wenn sich alle über einen angestrebten Zukunftszustand einig sind, können im Jetzt schneller strategisch kohärente Entscheidungen getroffen werden, die uns dieser wünschenswerten Zukunft näherbringen. Wenn eine wünschenswerte Zukunft sich durchsetzen soll, gehört es übrigens ebenfalls dazu, potenziell kritische Stimmen frühzeitig mit an den Verhandlungstisch zu holen. Das eröffnet nicht nur Innovationspotenzial, sondern federt mögliche Widerstände frühzeitig ab und integriert verschiedene Perspektiven, die Platz in dieser wünschenswerten Zukunft finden. Auch eine attraktive Zukunft bedarf zuweilen vorausschauender Iteration, um ihre ganze Kraft zu entfalten. Seien Sie mutig und fragen Sie sich bei der Ausarbeitung der nächsten Zukunftsstrategie: Welche Akteure würden diese Zukunft als ganz und gar nicht wünschenswert empfinden? Welche (guten) Gründe gibt es dafür? Die nächste Strategie knüpft hier übrigens eng an.

Sich der Zukunft stellen, die unattraktiv erscheint

Vor allem in unseren unbewussten Handlungen manifestiert sich eine unhinterfragte Vorstellung von der Zukunft – wir entscheiden uns unbewusst für die „offizielle Zukunft“. Das ist die Zukunft, die wir intuitiv im Kopf haben, wenn uns jemand fragt, wie das (Über-)Morgen eigentlich aussieht. Tauschen Sie sich bei Gelegenheit mit einer Person aus Ihrem Arbeitsumfeld aus und fragen Sie sie, wie sie die Zukunft der Finanzwelt sieht. Vielleicht werden Sie sich schnell einig. Vielleicht haben Sie aber auch sehr unterschiedliche „offizielle“ Zukunftsvorstellungen. Das ist gut. Das deutet bereits darauf hin, dass Ihre jeweilige offizielle Zukunft gar nicht so offiziell ist. Nur weil wir eine konkrete Vorstellung von einer Zukunft haben, tritt diese nicht zwingend ein. Das stärkt unseren Sinn für die Pluralität von Zukunft. Und es verdeutlicht, weshalb Strategiearbeit Unterschiedlichkeit mitdenken muss – einschließlich jener Zukünfte, die wir für unwahrscheinlich oder unattraktiv halten.

Unterschiedliche Zukünfte verproben

Durch bewusste strategische Zukünfte-Arbeit trainieren wir uns im Denken über mehrere Zeiträume hinweg. Wir eignen uns unterschiedliche Zukünfte an, um nicht von Krisen überrascht zu werden, wenn eine offizielle Zukunft doch nicht eintritt. Zentraler Bestandteil des Durchdenkens dieser Zukünfte ist die Identifizierung von Anknüpfungspunkten, das heißt strategischer Handlungsoptionen über verschiedene Zukünfte hinweg. Welche strategischen Entscheidungen können wir in jeder einzelnen Zukunft fällen? Welche Strategie hält über unterschiedliche Szenarien stand? Dieses Optionsbewusstsein und das Verproben unterschiedlicher Zukünfte ermöglicht es uns, unseren Weg zu einer wünschenswerten Zukunft durch unterschiedliche, fluide und komplexe Kontexte zu navigieren.

Mit mehr Hoffnung einen informierteren Sprung in die Zukunft wagen

Die oben aufgelisteten Strategien sind nur einige Beispiele dafür, wie sich das Unbekannte für unternehmerische Langlebigkeit, Widerstandsfähigkeit und Innovation nutzen lässt. Jede dieser Strategien erfordert eine lebendige Zukunftskultur in Organisationen, methodisches Know-How und Strukturen, die unsere Aufmerksamkeit für die Zukunft gegenüber dem “Jetzt” mit der nötigen Dringlichkeit verteidigen. Das „Jetzt“ wiederum ist ein sehr guter Startpunkt, um das Unbekannte greifbar zu machen. Indem wir Signale erkennen, Muster wahrnehmen, unterschiedliche Zukünfte skizzieren und Zukünfte-übergreifende Handlungsoptionen ableiten, entwickeln wir weniger fragile Strategien. So können wir mit mehr Hoffnung einen informierteren Sprung in die Zukunft wagen. Jetzt. Jetzt. Und jetzt. Bis wir irgendwann ankommen bei einem wünschenswerten “Dann”.

Zur Person

Vitalia Safronova forscht, berät und spricht über Zukünfte, die wir gestalten können. Als unabhängige Gegenwartsbeobachterin und Zukunftsdenkerin kuratiert sie Signale des Wandels – ob für Vorträge, strategische Studienprojekte wie Payment 2034, bei Futures-Literacy-Workshops oder als Foresight-Jurorin bei der Suche nach dem smarten Zuhause der Zukunft. Ihr Ziel: die gesellschaftlichen Herausforderungen von heute in gut informierte Antworten für eine hoffnungsvollere Zukunft zu transformieren.

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