ELTIFs öffnen privaten Anlegerinnen und Anlegern den Zugang zu Private Markets. Kann diese junge Assetklasse ein neues Wachstumsfeld für Banken und Sparkassen werden. Wo liegen die vertrieblichen Chancen, operative Herausforderungen und regulatorische Hürden? Wir haben bei zwei Branchenexperten nachgefragt.
Private Markets gewinnen im Retailgeschäft zunehmend an Bedeutung. Dank der reformierten EU-Verordnung „ELTIF 2.0“ erhalten seit dem Jahr 2024 auch Privatanlegerinnen und -anleger Zugang zu einer Anlageklasse, die lange Zeit institutionellen Investoren vorbehalten war. Im Zentrum dieser Entwicklung: European Long-Term Investment Funds, kurz ELTIFs. Diese Assetklasse ermöglicht Kleinanlegern Investitionen in illiquide Vermögenswerte. Dazu gehören Infrastrukturprojekte und Immobilien ebenso wie die Finanzierung nicht-börsennotierter Unternehmen über Private Equity und Private Debt. Für Vermögensverwalter, Banken und Sparkassen eröffnet sich hier ein strategisches Wachstumsfeld, das jedoch auch operative Fragen aufwirft.
Marktpotenzial: Milliardenmarkt Deutschland
Die Zahlen der Ratingagentur Scope unterstreichen die Dynamik dieser Anlageklasse: Im Jahr 2025 hielten deutsche Anlegerinnen und Anleger bereits 4,4 Milliarden Euro (europaweit: 34 Milliarden Euro) in diesen Langzeitfonds. Damit belegt Deutschland nach Frankreich den zweiten Rang in Europa. Bis 2028 prognostiziert Scope eine Verdopplung des europäischen Volumens auf 70 bis 80 Milliarden Euro.
Und ein zusätzlicher Wachstumskatalysator für die weitere Marktdurchdringung steht bereits in den Startlöchern: Das geplante staatliche Altersvorsorgedepot soll ELTIFs als zulässige Anlageklasse integrieren.
Operative Herausforderungen meistern: Die ELTIF-Initiative
Trotz der offensichtlichen Marktchancen wirft die junge Fondskategorie aber auch noch viele Fragen auf – von den Einsatzmöglichkeiten über regulatorische Anforderungen bis hin zur operativen Abwicklung.
Vor diesem Hintergrund haben Neuberger, Muzinich, PATRIZIA, die dwpbank, Dericon, LIQID und ELTIF.info die „ELTIF-Initiative“ gestartet. Sie versteht sich als Branchenforum, das Wissen bündelt, Orientierung schafft und den Dialog über Chancen, Risiken und operative Anforderungen fördert.
Im Interview geben Jesco Schwarz, Head of Intermediary Client Group Deutschland & Österreich bei Neuberger, und Christian Lüer, Produktmanagement und Vertrieb bei der dwpbank, einen fundierten Überblick über diese Assetklasse und deren Potenzial für das Retailgeschäft. Sie zeigen auf, warum eine leistungsfähige Marktinfrastruktur der Schlüssel für den Markterfolg ist.
Herr Schwarz, Sie sind Initiator der neuen ELTIF-Initiative und verfügen über langjährige Vertriebsexpertise bei den Sparkassen. Warum rücken Private Markets und insbesondere ELTIFs derzeit so stark in den Fokus? Welche Entwicklungen beobachten Sie im Markt und welche Rolle können ELTIFs künftig im Wertpapiergeschäft von Banken und Sparkassen spielen?
Jesco Schwarz: Die EU hat ELTIFs bereits 2015 eingeführt, um privates Kapital gezielt in junge Unternehmen und Infrastrukturprojekte zu lenken. Die anfänglich hohen Einstiegshürden – etwa die Mindestanlage von 10.000 Euro sowie der gesonderte ELTIF-Eignungstest – wurden mit ELTIF 2.0-Reform deutlich gesenkt. Die darauffolgenden technischen Regulierungsstandards (RTS) haben zudem mehr Flexibilität bei Rücknahmefristen und Liquiditätsquoten geschaffen.
Seither beobachten wir ein dynamisches Wachstum. Das zeigt sich unter anderem darin, dass sich die Gesamtzahl der zugelassenen ELTIFs bis 2025 auf 268 Produkte nahezu verdoppelt hat. Gleichzeitig zieht das Segment neue Akteure an. Indem diese Private-Equity-Lösungen bereits ab Kleinstbeträgen angeboten werden, positionieren sie sich als zugänglich für breite Kundensegmente.
Für Banken und Sparkassen eröffnet sich damit ein neues Wachstumsfeld im Wertpapiergeschäft: ELTIFs ermöglichen es, das Produktangebot über klassische Fonds und ETFs hinaus um Private Markets zu erweitern und so auch anspruchsvollere Kundensegmente gezielt anzusprechen.
Jesco Schwarz, Head of Intermediary Client Group Deutschland & Österreich bei Neuberger
Wer frühzeitig die richtige Produktauswahl, Beratungskompetenz und Abwicklungsinfrastruktur aufbaut, kann sich als verlässlicher Partner für den Zugang zu dieser Anlageklasse positionieren – und sich damit von reinen Ausführungsplattformen wie Neobrokern abheben.
Welche Chancen bieten sie aus Ihrer Sicht für Anlegerinnen und Anleger – und wo liegen zugleich die Grenzen oder Gefahren dieser Assetklasse? Was sollten Kundinnen und Kunden wissen?
Jesco Schwarz: ELTIFs unterscheiden sich grundlegend von klassischen liquiden Fonds. Da sie direkt in Sachwerte, Infrastrukturprojekte oder nicht-börsennotierte Unternehmen investieren, sind diese Anlagen nicht täglich handelbar. Für Anlegerinnen und Anleger sind daher drei Aspekte entscheidend:
Erstens sorgt die illiquide Struktur für eine eingeschränkte Verfügbarkeit, da Rücknahmen nur in festen Fenstern – meist quartalsweise oder halbjährlich – stattfinden. Zusätzlich sehen viele ELTIFs Gates vor, also prozentuale Obergrenzen für das Rücknahmevolumen pro Fenster, um die verbleibenden Investoren zu schützen. Für die Beratung bedeutet das: Kundinnen und Kunden, die an tägliche Verfügbarkeit gewöhnt sind, sollten aktiv auf diesen Unterschied hingewiesen werden, um die reduzierte Flexibilität greifbar zu machen.
Zweitens erfordert das Investment einen langfristigen Anlagehorizont, der zur Laufzeit der Projekte und zugrunde liegenden Investments passt.
Drittens stellen die spezifischen Risiken vor allem die Institute vor regulatorische Herausforderungen. Beratung, Eignungsprüfung und Dokumentation erfordern hier einen deutlich höheren Aufwand als bei klassischen Fonds.
Entscheidend ist letztlich die Balance im Portfolio: ELTIFs eignen sich hervorragend als strategische Beimischung, sollten jedoch nicht immer den Kern des Depots bilden. Die genaue Allokation muss – abhängig von Risikoprofil, Liquiditätsbedarf und Anlagehorizont des jeweiligen Kunden – immer individuell bestimmt werden.
Herr Lüer, ELTIFs sollen voraussichtlich ab 2027 als Produkt für das neue Altersvorsorgedepot zugelassen werden. Sind diese Langzeitfonds dafür geeignet? Was sollten Anbieter und Anleger dabei berücksichtigen?
Christian Lüer: Grundsätzlich eröffnet der Gesetzgeber Banken und Sparkassen die Möglichkeit, ELTIFs künftig im staatlich geförderten Altersvorsorgedepot anzubieten. Das passt gut zum langfristigen Charakter dieser Anlageklasse. Investitionen in Private Markets zielen nicht auf kurzfristige Kursgewinne, sondern auf einen mehrjährigen Vermögensaufbau. Damit können ELTIFs – je nach Risikoprofil und Anlagestrategie – eine sinnvolle Ergänzung innerhalb eines breit diversifizierten Vorsorgeportfolios sein.
Gleichzeitig eignen sich diese Langzeitfonds nicht für jeden Anlegertyp. Hier kommt einer bedarfsgerechten Beratung der Institute eine besondere Bedeutung zu. Sie sollten sorgfältig prüfen, für welche Kundensegmente diese Produkte geeignet sind und welche Erwartungen realistisch sind.
Christian Lüer, Produktmanagement und Vertrieb bei der dwpbank
Wir konzentrieren uns als dwpbank zunächst auf etablierte und stark nachgefragte Produkte wie klassische Fonds und ETFs. Diese binden wir in unsere Lösungen für das Standard-Depot und das individuelle Altersvorsorge-Depot ein. Wie bei all unseren Produkten ist es unser Anspruch, unseren Kundeninstituten ein breites Anlageuniversum mit attraktiven Konditionen anzubieten. Das Angebot an die Endkunden gestalten unsere Kundeninstitute dann selbst somit bleiben die wichtigen Entscheidungen und Kundenhoheit in der Hand der jeweiligen Institute. Weil aktuell noch regulatorische Vorgaben wie die Durchführungsverordnung sowie zertifizierte Produkte fehlen, ist der Zeitplan bis Anfang 2027 extrem ambitioniert. ELTIFs werden daher zunächst kein Bestandteil unserer Altersvorsorgedepot-Lösungen sein. Für die Zukunft behalten wir die Marktentwicklung aber fest im Blick.
Herr Schwarz, welche Voraussetzungen müssen etablierte Banken und Sparkassen schaffen, um diese Anlageklasse erfolgreich in ihre Angebots- und Produktwelt zu integrieren? Wo sehen Sie derzeit den größten Aufklärungs- und Handlungsbedarf?
Jesco Schwarz: Institute sollten sich zuerst strategisch klar werden, welche Kundengruppen sie genau adressieren wollen. Private Markets sind hochgradig heterogen und unterscheiden sich stark bei Risikoprofilen, Liquiditätsgraden und Renditechancen. Die jeweilige Assetklasse muss daher präzise auf das individuelle Kundenbedürfnis zugeschnitten sein.
Gefragt sind Asset Manager mit nachweisbaren Erfahrungen im Management illiquider Strategien. Entscheidend ist neben dem verwalteten Vermögen vor allem die Stärke in schwierigen Marktphasen – etwa beim Liquiditätsmanagement und der Bewertungsdisziplin.
Jesco Schwarz, Head of Intermediary Client Group Deutschland & Österreich bei Neuberger
Eine Orientierung für die Due Diligence bietet das Neuberger White Paper zur ELTIF-Manager-Selektion.
Nicht zuletzt fordern ELTIFs erweiterte Informationspflichten und eine tiefere Geeignetheitsprüfung. Seit ELTIF 2.0 entfällt die gesetzliche Mindestanlage von 10.000 Euro, dennoch bleibt der Prüfungsaufwand pro Kunde bestehen. Der Vertrieb lohnt sich für Institute daher erst ab einem Anlagevolumen, das diesen Aufwand wirtschaftlich rechtfertigt. Unabhängig davon müssen Häuser diese regulatorischen Anforderungen organisatorisch wie prozessual absolut rechtssicher abbilden.
Wenn der Zugang zu Private Markets für Privatanlegerinnen und -anleger keine Hürde mehr ist, wie können sich etablierte Institute und Vermögensverwalter differenzieren?
Jesco Schwarz: Wenn der reine Produktzugang – wie bei Neobrokern – kein Differenzierungsmerkmal mehr ist, wird die Qualität der Beratung zum entscheidenden Wettbewerbsvorteil. Private-Markets-Investments sind keine Standardprodukte. Kunden benötigen eine fundierte Einordnung von Liquiditätsprofilen, Risikostrukturen und der strategischen Portfoliopassung. Genau hier spielen etablierte Institute ihre langjährige Beratungskompetenz aus. Während standardisierte Selbstentscheider-Plattformen an ihre Grenzen stoßen, schaffen Banken und Sparkassen durch persönliche Begleitung und maßgeschneiderte Allokation echten Mehrwert.
Auch produktseitig liegt ein klarer Vorteil auf ihrer Seite: Banken und Sparkassen verhandeln den Zugang zu sorgfältig geprüften Fondshäusern und teils institutionellen Konditionen, die im standardisierten Angebot von Neobrokern in dieser Form nicht verfügbar sind. Diese Kombination aus hoher Sicherheit und exklusivem Produktzugang macht die Stärke etablierter Institute aus.
Zudem dürfen wir den Faktor Regulierung nicht unterschätzen: Die erweiterte Geeignetheitsprüfung bei ELTIFs ist komplex. Etablierte Institute bieten ihren Kunden hier ein rechtssicheres Umfeld, das vor Fehlallokationen schützt – ein regulatorisches Sicherheitsnetz, das Neobroker systembedingt gar nicht bieten können.
Christian Lüer: Für uns als sektorübergreifender Dienstleister für Wertpapierservices ist eine Voraussetzung besonders wichtig: ELTIFs müssen handelbar sein. Nur dann können wir sie über unsere standardisierten Prozesse effizient in die Depot- und Abwicklungslandschaft von Banken und Sparkassen integrieren.
Mit ELTIF 2.0 und den technischen Regulierungsstandards (RTS) sind die regulatorischen und technischen Rahmenbedingungen inzwischen klar definiert. Nun liegt der Fokus auf der konkreten Produktgestaltung. Die Herausforderung besteht insbesondere für die Kapitalverwaltungsgesellschaften darin, die Liquidität der Fonds sicherzustellen und gleichzeitig geeignete Regelungen für die Rücknahme von Anteilen während der Laufzeit zu schaffen Dabei steht der Schutz der verbleibenden Investoren im Vordergrund: Sie dürfen durch die Rücknahme von Anteilen keine wirtschaftlichen Nachteile erleiden. Erst wenn diese Voraussetzungen erfüllt sind, können ELTIFs effizient gehandelt und prozessual abgebildet werden.
Die dwpbank hat dafür bereits die infrastrukturellen Voraussetzungen geschaffen. Gemeinsam mit zahlreichen Kapitalverwaltungsgesellschaften (KVG) wie Neuberger, Swiss Life, Aquila Capital, HansaInvest, J.P. Morgan und BlackRock haben wir ein breites ELTIF-Angebot angebunden und bauen dieses kontinuierlich aus.
Unsere Systeme können die produktspezifischen Besonderheiten von ELTIFs bereits heute verarbeiten – etwa variable Mindesthalte- und Rücknahmefristen oder erforderliche Mindestordervolumina. Entscheidend ist für uns, dass sich diese Produkte ebenso effi-zient wie klassische Investmentfonds abwickeln lassen.
Christian Lüer, Produktmanagement und Vertrieb bei der dwpbank
Langfristig wird sich der Markt nur dann skalieren lassen, wenn alle Beteiligten entlang der Wertschöpfungskette – von den Instituten über die depotführenden Stellen bis hin zu den Verwahrern – auf gemeinsame Standards und durchgängig automatisierte Prozesse setzen. Unser Beitrag als dwpbank besteht darin, die technische Infrastruktur bereitzustellen, mit der Banken und Sparkassen innovative Anlageprodukte zuverlässig und wirtschaftlich in ihr Wertpapiergeschäft integrieren können.
Die ELTIF-Initiative versteht sich als unabhängige Informationsplattform für den Markt. Welche Themen möchten Sie gemeinsam mit den Partnern vorantreiben – und wie wird sich der Markt für Private Markets und ELTIFs Ihrer Einschätzung nach in den kommenden Jahren entwickeln?
Unser zentrales Anliegen ist es, die Komplexität dieser noch jungen Assetklasse zu reduzieren und als neutrale, praxisorientierte Anlaufstelle für konkrete Problemlösungen zur Verfügung zu stehen.
Jesco Schwarz, Head of Intermediary Client Group Deutschland & Österreich bei Neuberger
Dabei verstehen wir uns bewusst nicht als Vertriebsplattform, sondern als ein Zusammenschluss von Partnern mit komplementären Schwerpunkten, die gemeinsam die positive Entwicklung des ELTIF-Marktes fördern wollen.
Konkret planen wir dafür eine Reihe von Formaten: regelmäßige Events und Seminare, fortlaufende Veranstaltungsreihen sowie gezielte Aufklärungsmaterialien.
Für die kommenden Jahre erwarten wir ein anhaltend dynamisches Wachstum. Die Gespräche, die wir mit unseren Kunden führen, haben eine deutlich tiefere Qualität als noch vor einem Jahr. Die steigende Nachfrage führt zu einer spürbaren Professionalisierung und einem Kompetenzaufbau auf der Investorenseite. Damit einhergehend steigen logischerweise auch die Ansprüche an das Produktmanagement der Asset Manager und die operative Abwicklung.