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„Viele sind von klassischen Sparzinsprodukten enttäuscht“

ca. 6 Minuten

Viele Jugendliche haben während der Corona-Pandemie in Wertpapiere investiert. Um aus diesem Trend eine stabile private Vorsorgesäule zu machen, braucht es weitere politische Maßnahmen, argumentiert Klaus Hurrelmann von der Hertie School im Interview.

Herr Professor Hurrelmann, wenige haben soziologisch messbare Jugendtrends in Deutschland so eingehend wissenschaftlich erforscht wie Sie. Wie schätzt denn die jüngere Generation das Thema Vorsorge für das Alter generell ein. Wird die Notwendigkeit, etwas privat für die Rente zu tun, grundsätzlich erkannt?

Wir sind noch weit davon entfernt, dass die junge Generation ihre Altersvorsorge überwiegend privat aufbauen möchte – etwa über Anlagen in Fonds oder Immobilien. Aber wir werden diesem Punkt mit der Zeit näherkommen. Aktien werden für Jugendliche derzeit nämlich auch deshalb interessant, weil ihr Traum für die Rente nicht mehr funktioniert. Sie wünschen sich bei der Altersvorsorge immer noch ein Idealszenario, wie es die Eltern haben – einen gut funktionierenden Rentenmechanismus, der ein berechenbares Alterseinkommen in Aussicht stellt. Doch die permanent bröckelnden Zusagen der staatlichen Rentenversicherung, die nicht mehr so leicht zugänglichen Betriebsrentensysteme und die Komplexität und fehlende Durchschaubarkeit von privaten Vorsorgemodellen wie der Riesterrente haben das Vertrauen in die offiziellen Wege zu einer tragfähigen Altersvorsorge ziemlich erschüttert. Das organisierte Alternativszenario für eine attraktive private Säule bei der Altersvorsorge wird für die meisten Jugendlichen aber noch nicht angeboten. Ich bin gespannt, was sich hier mit der neuen Bundesregierung ändert.

Wie sähe denn eine Rentenreform aus, die einen 25-Jährigen wieder Vertrauen fassen lassen würde?

Die Forderung ist, die Rentenversicherung für die jüngeren Menschen zu ertüchtigen. Das könnte etwa darin bestehen, dass der Generation, die noch 30 oder 40 Jahre zu arbeiten hat, heute eine Mindestzusage bei der Rente gegeben wird – zum Beispiel von 50 Prozent des letzten Einkommens vor Renteneintritt. Man könnte heutige Jugendliche auch deutlich besser für Betriebsrenten begeistern, wenn man diese Absicherung jeweils von Arbeitgeber zu Arbeitgeber mitnehmen könnte. Und was die private Säule betrifft: Ich glaube nicht, dass man die versicherungsbasierte Riesterrente mit weiteren Reformen jungen Menschen noch so schmackhaft machen kann, dass sie breit als Vorsorgebaustein angenommen wird. Man muss eher über einen grundlegend neuen Akzent nachdenken, bei dem Aktien und moderne Anlageformen die tragende Rolle übernehmen und bei dem in gewissem Umfang Verlustrisiken staatlich abgesichert werden. Diese Forderung finde ich aus der Perspektive eines Jugendlichen nachvollziehbar und richtig.


Alles, was jedoch über das Smartphone funktioniert, fasziniert diese Altersgruppe. Das Aktiensparen über eine App ist deshalb ein Produkt, dass auf diese Nachfrage passt.

Wir erleben einen Boom beim Wertpapiersparen – vor allem bei
jüngeren Menschen. Warum entdeckt gerade die jüngere Generation das
Wertpapiersparen für sich?

Ich würde sagen, dass diese Produkte einen Nerv bei 18- bis
35-jährigen treffen, weil sie so einfach zu nutzen sind. Der Zugang von
jungen Leuten zum Kapitalmarkt ist unkompliziert geworden. Wenige
22-jährige würden heute noch zu einem Kreditinstitut gehen und sich mit
einem Anlageberater auf ein längeres Gespräch über die eigene finanzielle
Zukunft einlassen. Alles, was jedoch über das Smartphone funktioniert,
fasziniert diese Altersgruppe. Das Aktiensparen über eine App ist
deshalb ein Produkt, dass auf diese Nachfrage passt. Aber natürlich
spielt auch der seit Jahren mehr oder weniger intakte Aufwärtstrend an
den Aktienmärkten eine Rolle. Da trauen sich viele mit einem solchen
Produkt zu sparen, die von den klassischen Sparzinsprodukten enttäuscht
werden.

Wie wichtig sind die konkreten Produkteigenschaften von Wertpapiersparplänen für den Erfolg bei der jüngeren Generation – etwa die Tatsache, dass man schon mit kleinen Sparbeträgen von 20 Euro über die Zeit doch einiges an Vermögen aufbauen kann?

Das passt ganz gut auf die Weltsicht der jungen Menschen. Diese Generation ist nämlich vergleichsweise wenig in Finanzmarktdingen geschult und sie ist nicht gewillt, gleich die ganz hohen Risiken einzugehen. Bei alle dem hat sie wenig Lust, sich selbst in differenzierte Analysen zu begeben, etwa Kurs-Gewinn-Verhältnisse und Dividendenrenditen einzelner Aktien zu vergleichen. Sie trauen sich schon eher ein Produkt zu kaufen, das für sie transparent und schnell verständlich ist, bei dem die regelmäßigen Sparbeträge flexibel sind, die kostengünstig und schnell auch wieder kündbar sind, die aber auch von Influencern ihrer Altersklasse auf YouTube empfohlen werden. Man darf nicht vergessen: Die jüngere Generation will etwas sparen, das merken wir an den Befragungen immer wieder. Aber das Thema Finanzmarkt und Investieren war ihnen bisher zu komplex – einfache Sparprodukte wie zum Beispiel ETFs kommen da an. Studien haben gezeigt, dass ab einem Nettoeinkommen von rund 2.000 Euro solche Produkte als besonders attraktiv angesehen werden.

Die meisten scheuen bislang noch hohe Risiken. Aber das Anlageverhalten ihrer Vorbilder, der Eltern, ist auch nicht mehr tragfähig. Sparbuch, Tages- und Festgeld bringen so gut wie keinen Ertrag. Das sehen die Jugendlichen, die übrigens noch häufig diese Anlageformen als ihre bevorzugten nennen. Aber die Auffassung dreht sich.

Wir befinden uns beim Sparen offenbar in einem Trendwechsel – weg von konservativen, hin zu eher risikoträchtigeren Anlageformen. Sind die Jugendlichen denn dazu innerlich bereit?

Wie schon gesagt, die meisten scheuen bislang noch hohe Risiken. Aber das Anlageverhalten ihrer Vorbilder, der Eltern, ist eben auch nicht mehr tragfähig. Sparbuch, Tages- und Festgeld bringen so gut wie keinen Ertrag. Das sehen die Jugendlichen, die übrigens noch häufig diese Anlageformen als ihre bevorzugten nennen. Aber die Auffassung dreht sich. Man ist bereit ein etwas höheres Risiko einzugehen, wenn sich auf keine andere Weise ein wenig Rendite erzielen lässt. Daher der momentan wachsende Zuspruch zu Aktien und Trading-Apps. Letztlich wünscht man sich aber eine Art staatlichen Rahmen dafür, dass diese privaten Bemühungen nicht umsonst sein werden. Der Staat würde also gut daran tun, der jungen Generation diesen Rahmen zu bieten. Und er sollte übrigens auch einem immer wieder gehörten zweiten Wunsch der Jugendlichen nachkommen – nämlich an Schulen Finanzmarktwissen so zu unterrichten, dass es praktisch angewendet werden kann. Auch dieses Bedürfnis findet sich immer wieder weit oben, fragt man Jugendliche.

Vielen Dank für das Gespräch.


Zur Person

Klaus Hurrelmann ist seit 2009 Professor für Public Health und Erziehungswissenschaften an der Hertie School of Governance. Zuvor war Hurrelmann jahrelang an der Universität Bielefeld tätig. Sein Arbeitsschwerpunkt liegt in der Verbindung von Sozial-, Bildungs- und Gesundheitspolitik, um umfassende Interventionsstrategien zur Prävention von sozialen und gesundheitlichen Benachteiligungen zu entwickeln. Außerdem führt er vergleichende Studien zu Einstellungen, Wertorientierungen und Verhaltensweisen von Jugendlichen durch.

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