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„Digitale Assets werden die Märkte effizienter machen“

ca. 6 Minuten

Die Digitalisierung der Wertpapierindustrie legt die Basis für neue Produkte und Services sowie ein deutlich höheres Maß an Flexibilität. Höchste Zeit, sich dieser komplexen Aufgabe zu stellen.

Gastbeitrag von Jens Hachmeister, Head of Issuer Services and New Digital Markets bei der Deutschen Börse AG

Eine These zu Beginn: Ich glaube, dass die Finanzindustrie bei der Digitalisierung einen Schritt hinter anderen Branchen hinkt. Wir haben die letzten Dekaden sehr erfolgreich damit verbracht, eine elektronische Infrastruktur auszubauen und Prozesse zu digitalisieren. Aber wir haben unser Kernprodukt nicht digitalisiert, das Wertpapier selbst. Die Entwicklung digitaler Produkte und einer digitalen Infrastruktur wird uns helfen, die Märkte effizienter zu machen. Sie bietet Gelegenheiten, neue Produkte und Services an den Markt zu bringen, und schafft schließlich die Möglichkeit, flexibler und agiler auf ein sich veränderndes Umfeld zu reagieren.

Ich glaube, dass die Finanzindustrie bei der Digitalisierung einen Schritt hinter anderen Branchen hinterherhinkt.

Intelligente digitale Objekte

Die kommende digitale Infrastruktur besitzt drei Kernelemente. Zunächst die Tatsache, dass wir Wertpapiere in ein digitales Objekt umwandeln, das dann neben anderen digitalen Assets steht, also neben Kryptos, Stablecoins oder digitalisierten alternativen Assets. Zweitens wird dieses digitale Objekt intelligent sein. Das heißt, es trägt seine Intelligenz in sich und wird bei bestimmten äußeren Ereignissen automatisch Dinge ausführen. Drittens, dieses digitale Objekt ist die „Golden Source“, also der Hort der Daten in Bezug auf Stammdaten, irgendwann auch auf Transaktions- und Eventdaten. Dieser Golden Source können sich viele Marktteilnehmer anschließen; sie bekommen ihre Daten dann direkt und unverfälscht von der Quelle, wie beim Streaming in der Musikindustrie.

Eine wichtige Dimension der neuen digitalen Assets lässt sich unter dem Begriff „End-to-End“ zusammenfassen. Dies bedeutet zunächst, dass wir ein digitalisiertes Wertpapier entlang des Lebenszyklus modellieren, von der Emission bis zur Rückzahlung, inklusive aller vorhersehbaren Events. Es existiert damit kein einzelnes System, das Corporate Actions in Masse bearbeitet; stattdessen bewegt sich ein digitales Asset in seinem Lebenszyklus auf einer Infrastruktur, die zentral oder dezentral sein kann. Ein weiterer Aspekt ist, dass wir die Endpunkte der Nutzer in dieser Industrie verbinden, im Extremfall also den Emittenten direkt mit dem Investor. Dies ist übrigens nicht gleichbedeutend mit Disintermediation. Auch in der neuen Infrastruktur wird es notwendig sein, mit Emittenten zu reden oder Beziehungen zu Investoren zu pflegen. So erhalten wir eine Shared-Infrastruktur, die viele unterschiedliche Teilnehmer in einen Prozess einbindet und neue Möglichkeiten der Partizipation schafft. Schließlich bedeutet End-to-End auch, dass wir mehr Teile der Wertschöpfung auf einer Infrastruktur sehen werden. Wir werden das digitale Wertpapier also auf derselben Infrastruktur emittieren und distribuieren können, und wir werden auch nicht nur den Primärmarkt darstellen können.

Regulierte und vertrauenswürdige Infrastruktur

Die digitale Infrastruktur wird auf bestimmten Rahmenbedingungen im Hinblick auf Technologie, Regulierung und Standards aufbauen.

  • Die Technologie wird hybrid sein, mit zentralen und dezentralen Elementen, damit Kunden mit einem einzigen Zugang unterschiedliche Dinge bespielen und unterschiedliche Kanäle adressieren können. Interoperabilität wird dabei eine wichtige Rolle spielen – mit zentralen Infrastrukturen wie dem Target-System, mit neuen Technologien wie unterschiedlichen DLT-Protokollen, aber auch zwischen zentralen und dezentralen Infrastrukturteilen. Das erhöht natürlich initial die Komplexität der Adaption und Integration, ist aber zwingend notwendig, um die nächste Stufe der Markteffizienz zu generieren.
  • Die neue digitale Infrastruktur muss reguliert und vertrauenswürdig sein, also dem gleichen guten Regulierungsrahmen genügen wie die heutige Infrastruktur. Auch dies führt zu höherer Komplexität. Wir haben die bestehende Finanz- und Kapitalmarktregulierung, in einer weiteren Schicht die CSD-spezifische Regulierung und schließlich die Regulierung rund um das Thema digitale Infrastruktur auf nationaler und europäischer Ebene. Wir glauben aber, dass wir bei der Deutschen Börse in diesem Bereich schon sehr gut aufgestellt sind. Das ist wichtig, denn nur, wenn wir den Marktteilnehmern, insbesondere den institutionellen, den gleichen Komfort und die gleiche vertrauenswürdige Infrastruktur anbieten können wie bisher, wird die Adaption möglich.
  • Um effizient zu sein, muss alles, was wir an neuer Infrastruktur hinzufügen, gewissen Standards genügen, zum Beispiel Protokollstandards, Standards für Token, Standards für Smart Contracts. Künftig könnte die neue digitale Infrastruktur Standards ähnlich wie Lego-Bausteine darstellen, das heißt, es existieren vordefinierte Elemente, um Produkte schneller zu verwirklichen.

Im Kern geht es bei digitalen Assets nicht um Infrastruktur oder Technologie, sondern darum, wie wir den Markt und die Kunden befähigen, kreativ zu werden.

Kreativität und Konsumierbarkeit

Im Kern geht es bei digitalen Assets jedoch nicht um Infrastruktur oder Technologie, sondern darum, wie wir den Markt und die Kunden befähigen, kreativ zu werden. Wie lassen sich neue Produkte entwickeln – Produkte, von denen wir heute noch nichts wissen, mit denen wir aber künftig neue Kundengruppen adressieren und neue Einnahmen generieren können? Wie schaffen wir die Verbindung von Kreativität („Create“) mit einfacher Konsumierbarkeit („Consume“) und schneller Verbindung („Connect“), in der ein einziger Zugang den Kunden die ganze digitale Welt zu Füßen legt? Das sind Themen, die in der Umsetzung zu sehr komplexen Fragestellungen führen.

Was also sollte die Finanzbranche tun, um von der digitalen Zukunft zu profitieren?

  1. Jetzt anfangen: Lernkurven kann man nicht überspringen, und wer als Organisation auf diese digitale Reise will, muss rechtzeitig losgehen. Der einzige Fehler, den man machen kann, ist nichts zu tun.
  2. Ambitionierte Entwickler für die neuen Produkte suchen: Mich wundert, dass die Produktentwickler in den Bankhäusern nicht sagen: Warum können wir das noch nicht, ich möchte da draußen ein Produkt platzieren. Denn am Ende kommt die Nachfrage nach digitaler Infrastruktur  aus der Produktentwicklung.
  3. Keine Angst vor Shared-Infrastruktur: Das ist sehr wichtig. Geteilte Infrastruktur bedeutet, ein Stück seiner eigenen Wertschöpfung aufzugeben, damit sie skaliert und damit wir sie gemeinsam mit Produkten, mit Services und schließlich mit einem besseren Kundennutzen beladen können.

Der Text ist eine gekürzte und redigierte Fassung der Keynote, die der Autor am 27. September zum Auftakt des Executive Summit 2022 in Frankfurt gehalten hat.

Zur Person

Jens Hachmeister, Managing Director, ist Head of Issuer Services and New Digital Markets der Deutschen Börse AG und Mitglied des Management Committees von Clearstream. Im Jahr 2018 baute er die New Digital Markets Area als Kompetenzzentrum der Deutschen Börse auf, 2020 übernahm er zusätzlich Verantwortung als Head of Issuer Services von Clearstream.

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